Singen als Lebenshaltung: Das Quartalslied «Ich will dem Herren singen»
Das aktuelle Quartalslied „Ich will dem Herren singen“ drückt eine Haltung des unerschütterlichen Lobens und Dankens aus, unabhängig von den äusseren Umständen. Der deutsche Erzieher und Fürsorger Arno Pötzsch, geboren 1900, schrieb dieses Lied 1951. Pötzsch ist Dichter zahlreicher geistlicher Lieder und Gedichte, die in viele Andachts- und Gesangbücher aufgenommen wurden. Die Melodie zu dem Text komponierte die deutsche Komponistin, Kirchenmusikerin und Musikpädagogin Erna Woll (1917-2005), eine der bedeutendsten Chorkomponistinnen des 20. Jahrhunderts. Sie schuf über 200 Werke, darunter Sololieder, Chorlieder, Motetten und Chorkantaten, und widmete besondere Aufmerksamkeit der Musikgattung des neuen geistlichen Liedes. In dieses Genre gehört auch unser Quartalslied. Typischerweise sind Lieder dieses Genres stilistisch durch die Popularmusik beeinflusst, doch bei diesem Lied merkt man davon kaum etwas. Im Gegenteil: Die Melodie erinnert an den Kanon von Georg Philipp Telemann „Ich will den Herren loben allezeit“, in dem das Lob, um das es auch in unserem Quartalslied geht, mit vielen Koloraturen zum Ausdruck kommt.
Das Lied hat sechs Strophen, von denen drei im Kirchengesangbuch abgedruckt sind. Bereits die erste Strophe verweist auf den zentralen Gedanken des Liedes: das Singen als Ausdruck gelebten Glaubens. Die Zeile „Ich will dem Herren singen, solang ich leb und bin“ nimmt direkt Bezug auf Psalm 104,33: „Ich will dem HERRN singen mein Leben lang und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.“ Dieser Psalmvers bildet die biblische Überschrift und geistliche Grundlage für das gesamte Lied. So wird das Singen nicht nur als Ausdruck von Freude, sondern als Lebenshaltung verstanden.
Im weiteren Verlauf des Liedes beschreibt Pötzsch eine demütige Haltung: Der Mensch hat nichts Eigenes zu geben, und doch bringt er sich selbst – sein Leben – im Lied dar. Loben und Danken, unabhängig von den äusseren Umständen, zieht sich durch die Strophen. Die zweite Strophe verweist auf die Grösse von Gottes Werken und sein „wunderweisliches Raten“, das Weg und Ziel kennt. In der dritten und vierten Strophe hält der Dichter eine persönliche Rückschau. Er erkennt: Auch wo der Mensch Gottes Nähe nicht vermutet hat, war sie dennoch da. Die abschliessende Strophe bringt das Thema des Anfangs noch einmal auf den Punkt: Solange Herz und Mund sich regen, will der Mensch Gott loben – selbst wenn es nur „arme Weisen“ sind. In dieser Haltung schwingt viel Demut, aber auch Entschlossenheit mit.
Arno Pötzsch schrieb viele seiner Werke in der Nachkriegszeit, geprägt von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Seine Lieder gelten als „Notlieder der Kirche“, die Trost und Hoffnung vermitteln sollten. Diese Erfahrungen spiegeln sich auch in diesem Lied wider: Trotz aller Dunkelheit bleibt das Vertrauen auf Gottes Liebe unerschütterlich. Musikalisch unterstreicht Erna Woll den Text mit an Koloraturen erinnernden Elementen, die die Leichtigkeit des Singens widerspiegeln.
Fazit: „Ich will dem Herren singen“ ist ein geistliches Lied voller Zuversicht und Demut. Es macht deutlich: Der Glaube ist ein Geschenk – und das Singen eine Form, dieses Geschenk zurückzugeben. Ein Lied, das trägt – in Freude wie in Not.
Ich will dem Herren singen
(T: Arno Pötzsch 1951, M: Erna Woll 1959)
Ich will dem Herren singen,
solang ich leb und bin,
ihm Lob in Liedern bringen
mit dankbar frohem Sinn.
Hab ich gleich nichts zu geben,
weil Gott allein nur gibt,
ich bring im Lied mein Leben
dem Schöpfer, der mich liebt.
Wie sind die Werk und Taten
Des Herrn so gross und viel!
Sein wunderweislich Raten
Weiss immer Weg und Ziel.
Sein Macht und sein Vermögen
Lenkt aller Dinge Lauf,
und aller Welt zum Segen
hört nie sein Liebe auf.
Das weiss ich wohl zu sagen
Von meines Lebens Fahrt,
wie hat in allen Tagen
mich Gottes Hand bewahrt!
Trotz Ängsten, Last und Sorgen
Und wo ich’s nicht gedacht,
fand ich mich doch geborgen
in Gottes Hut und Wacht.
Wie sollt ich je vergessen,
was Gott an mir getan,
mir freundlich zugemessen
von allem Anfang an!
Ich kann nur staunend schauen
Die göttlich grosse Huld
und ihr mich anvertrauen
mit Los und Leid und Schuld.
Dem Herren will ich singen,
solang mein Mund sich regt,
solang ihm Lob zu bringen,
in mir mein Herz noch schlägt.
Und sind’s nur arme Weisen,
ach, zu gering für Gott,
ich will ihn dennoch preisen
im Leben und im Tod.